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Zur Euphorie in Cyber-Utopia

Erinnert sich noch jemand an die “Twitter-Revolution” in Moldawien? Wohl kaum. Die Aufmerksamkeitskarawane hielt dort nur ein paar Tage. Als vergangenes Wochenende in Iran die Proteste wegen einer möglichen Wahlfälschung massiv auf Twitter als Kommunikationsmedium zurückgriffen, war eines klar:  Die nächsten Tage würde es nur so von Artikeln über die nächste Twitter-Revolution hageln.

Selbstredend organisiert sich auch die digitale Bürgerrechtsbewegung in Dtl., die derzeit vor lauter “Zensursula” kaum etwas anderem Beachtung zu schenken scheint, über das Netz: Eine Mahnwache wurde in kürzester Zeit organisiert und für morgen zu Demonstrationen im ganzen Bundesgebiet aufgerufen.

Zweifelos: Das Internet ist ein mächtiges Tool. Oben stehendes Video eines TedTalks zeigt Clay Shirky. In “How Twitter can make history” belegt er an Beispielen wie den Wahlen in Nigeria oder dem großen Erdbeben in China in 2008, welche Möglichkeiten Netz-Technologien zur Organisierung bieten.

Trotz all der Euphorie über die Möglichkeiten, die das Netz bietet, warnt Evgeny Morozov vor den Hoffnungen auf ein Cyber-Utopia:

Wenn das Internet, wie in China, gar nicht mehr zensiert würde, sei es falsch anzunehmen, dass die User dort plötzlich mehr politische Rechte verlangen würden. Statt sich Amnesty International-Berichte herunterzuladen, würden sie doch wahrscheinlich eher den neuen James Bond Streifen suchen. Auch die Bedeutung der Blogger in Ländern wie Ägypten sei mit Vorsicht zu genießen. Von der Presse der westlichen Industriestaaten würden sie oft als Triebfeder für Demokratisierung bechrieben. Dabei käme es zu den Verzerrungen, da nur die englischsprachigen lokalen Blogger rezipiert würden – die Nutzung von Blogs durch die Muslimische Bruderschaft in Ägypten hingegen würde beispielsweise keine Beachtung geschenkt.

In dem Zusammenhang sei auch auf den Beitrag von Christian Kreutz verwiesen – “Google Wave: Real-time trouble and the persistent belief in tools”: Er äußert Zweifel an dem Hype um das angekündigte Google Wave: Man müsse dann ja quasi 24/7 online sein; Echtzeit-Kollobaration könnte ein Albtraum werden. Die Aufregung um immer neue Tools sei unangebracht, solange sich an der grundsätzlich Organisationsweise von Institutionen nichts ändere.

Daran lässt sich nur anschließen: Die Informationsgesellschaft, die das Potential für eine progressive Transformation der Gesellschaft mit sich bringt, ist derzeit hauptsächlich die Spielwiese einer (technokratischen) Bildungselite. Was sie mit der verlangten Freiheit im Netz eigentlich anfangen will, ist nicht zur vernehmen. Zur Lösung der drängenden sozialen oder ökologischen Frage hat das Internet bislang nichts beizutragen.

2 Comments

  1. ml
    19. Juni 2009 at 13:48 | Permalink

    Wie Lacan gesagt hat: die Strukturen gehen auf die Straßen, so lange sich nichts an den Strukturen ändert, ändert sich nichts im Gesamtkontext.

  2. Linksdings
    25. Juni 2009 at 13:16 | Permalink

    Unterschätzen die großen Parteien die Macht der “Internet-Community”?, fragt freitag.de http://www.freitag.de/community/arena/debatte?frage=154#response-703

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