
In den Wochen vor der Bundestagswahl wird auch die Linkspartei von diversen Internet/IT und Games-Websites und Blogs befragt bzw. unter die Lupe genommen. Augenmerk liegt selbstredend auf den politischen Positionen und Vorstellungen in Sachen Informations-, Datenschutz und Netzpolitik. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass es hier wenig polemisch zugeht und wohltuend die sachbezogenene Auseinandersetzung im Vordergrund steht. Unsachlich wird es dafür dann wie üblich in den Kommentaren unter den Beiträgen.
Etwa bei dem heute erschienenen transskribierten Radiointerview mit Halina Wawzyniak, Bundestagskandidatin der Linkspartei im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain auf sendung-mit-dem-internet.de.
So glaubt sie nicht, “dass wir das Internet zunächst als Gefahr sehen”. Zunächst nicht, danach wird es aber dann gefährlich, fragt man sich, oder wie? Und zurecht erntet Wawzyniak Spott, da sie bemängelt, Buchempfehlung beim Versandhändler Amazon zu erhalten, die auf den (anonymisierten) Kaufverhalten anderer User basieren – das sei hinsichtlich der Perönlichkeitsrechte problematisch, so die Berlinerin. (Das Original-Radiointerview vom 24.8. mit Wawzyniak findet sich hier.) Solch wenig kenntnisrechen Äußerungen torpedieren ihre durchaus zutreffenden anderen Antworten – es wirkt mehr auswendig gelernt, als verstanden. Der Schockwellenreiter kommentiert: “Die Linke und das Internet, absolut clueless”.
Dabei erntet die Linkspartei durchaus auch Anerkennung auf dem Feld, hat sie doch als einzige Partei die Finger auf die Produktionsbedingungen im IT-Bereich gelegt (Fair Work’-Siegel auf Spiele, Programme, Plattformen und Online-Angebote). Das stellt auch golem.de fest. Dieses Webangebot zählt nach heise.de zu einem dem meistgelesensten im IT-Bereich und geht derzeit die Wahlprogramme der Parteien im Bundestag plus der unvermeidlichen Piratenpartei durch.
Und der technologiepolitischen Sprecherin der Bundestragsfraktion von Die Linke, Petra Sitte, wird sogar in den digitalen Kommentarspalten auf Gamer-Websites einiges an Respekt gezollt. Das will einiges heißen, sind Gamer doch nach aller Amoklauf-Killerspiel-Hysterie gebrannte Kinder und recht, äh, aufbrausend. Doch Sitte kennt sich offenbar in der Materie aus, wie sie bei eurogamer.de im Juli (Interview ab Seite 2) und unlängst auf Battlefield-Games unter Beweis stellte (letzter Link via digitale-linke.de).


4 Comments
spott ist durchaus möglich, allerdings fehlt mir eine überzeugende argumentation, weshalb das weiterempfehlen völlig unproblematisch sein soll.
daten sollen zweckgebunden erhoben, gespeichert oder weitergegeben werden. soweit so gut. der zweck eines kaufes bei amazon ist ein produkt zu erwerben, nicht jedoch auf das kaufverhalten anderer einfluss zu nehmen. ob anonymisiert oder nicht, die daten werden hier zu zwecken verwendet, wofür ich sie nicht gegeben habe.
viel spannender allerdings wäre endlich die debatte um die kulturflatrate voranzutreiben, vor allem von einer ag die sich des themas digitate demokratie annehmen will…
Das Konzept des Weiterempfehlens basiet auf einem Grundpfeiler des Web 2.0: Crowdsouring, also auf “Schwarmintelligenz”. Sprich, ab einer gewissen Grundmenge an Nutzerdaten können daraus statistisch/semantisch Informationen abgeleitet werden, die mir als individuellem User ggf. weiterhelfen – kurz gesagt: Die Masse macht’s.
Wer bei Amazon kauft, stimmt AGB zu (siehe §13+Datenschutzerklärung), die dieses Weiterempfehlen beinhalten. Nicht zuletzt darauf gründet sich sowohl das Geschäftsmodell als auch der Erfolg dieses Konzerns. Es steht jedem/jeder frei, daran nicht teilzunehmen – Verbraucherschutz hat auch was mit mündigen Verbrauchern zu tun.
Was die Arbeit der AG mit diesem Artikel zu tun hat, ist mir zwar unklar. Aber danke für den Tipp, wir arbeiten schon dran.
die frage muss doch erlaubt sein, ob die datenerhebung und -verarbeitung so in ordnung ist, was mit den daten passiert etc. mein vertrauen in aufgeschriebene agb ist nicht sehr hoch. crowdsouring etc. funktioniert unproblematisch bei allem was grundsätzlich anonym geschieht, bei einem onlinehändler der mit verifizierten userprofilen arbeitet (arbeiten muss), sieht das anders aus. soweit ich das sehe, nutzen die meisten großen online-versandhäuser empfehlungssysteme (nicht nur die für bücher, CDs…)
ab einer gewissen marktmacht ist das eine frage des verbraucher- und datenschutzes. schonmal versucht in hintertupfingen ein buch zu erstehen und der nächste richtige buchladen ist 30 kilometer entfernt? da kommt der mündige verbraucher schnell ins grübeln….
eine variante wäre es z.b., den händlern vorzuschreiben den usern wahlweise zugänge ohne empfehlungsdienste anzubieten. so mancher mündige verbraucher der da bisher sehr skeptisch ist, würde dann vielleicht auch bei amazon und co. einkaufen.
@spa: klar, ne wahlmöglichkeit, ob ich an so einem auswertungssystem teilnehmen will, wäre wünschenswert.
h. wawzyniak will aber die Hinweise bei amazon gleich “verhindern”, weil sie sie für nicht unbedingt verkaufsfördernd hält und sie “als nutzer irgendwie abschreckt”. individuelles empfinden als politische maßstäbe zu setzen, finde ich problematisch.
und offenbar schreckt es andere nutzer eben nicht ab, sondern die finden die hinweise prima – und wie gesagt, für amazon scheint das system durchaus verkaufsfördernd zu sein.
zumindestens in sachen büchern bin ich selbst auf der zugspitze nicht auf amazon angewiesen, da dank buchpreisbindung bücher überall gleichviel kosten und diverse kleine buchhändler mittlerweile bestellung per post zusenden.